DarßMarathon 2019

Zugegeben, es ist mittlerweile schon ein paar Wochen her, dass ich auf dem Darß meinen ersten Marathon ins Ziel gebracht habe.

Irgendwie bin ich danach in ein kleines Loch gefallen. Post-Marathon-Blues nennt man das wohl. Zum Schreiben fehlten einfach die Lust und die Motivation, ich fand erst keine Worte für das Erlebte, dann fehlte die Zeit und dann waren andere Dinge wichtiger.Selbiges gilt auch für das Laufen. In den letzten Wochen konnte ich mich kaum zu einer Trainingseinheit aufraffen und erst seitdem es seit Mitte Mai wieder hin und wieder einen Trail unter den Füßen gab, hab ich wieder ein bisschen Freude an der ganzen Sache. Seit Montag läuft nun eigentlich der Trainingsplan für den Karwendelmarsch (endlich wieder Struktur im Leben!), aber da es mich beim Laufen im Taunus am Sonntag auf den letzten Metern ordentlich hingehauen hat, sind die ersten Trainingseinheiten direkt schon wieder ausgefallen. Oh Freude. Und nun sitze ich mit dem Laufmotivator in Grainau und wir überlegen, ob man den Frust darüber, dass seine geplanten 100 Kilometer um die Zugspitze abgesagt wurden, wohl gut in einer ordentlichen Menge Hopfenblütenkaltschale ertränken könnte. Wie bereits gesagt: Oh Freude.
Um den ZUT und das Training soll es jetzt ja aber gar nicht gehen.

Also dann… der DarßMarathon.

Seit dem letzten Jahr hatte ich immer mal wieder den merkwürdigen Gedanken, dass ich vielleicht unter Umständen eventuell mal so einen Marathon ausprobieren könnte. Die Halbmarathons hatte ich allesamt recht gut weggesteckt und irgendwie gefiel es mir, auch längere Zeit – also durchaus ein paar Stunden am Stück – durch die Gegend zu laufen. Da auf meinen Schultern aber eben ein kleiner Chaoskopf sitzt, hielt ich es für eine grandiose Idee, dem auf Zeit gelaufenen Marathon einen Ultratrail voranzustellen. Dort könnte ich testen, ob die Strecke etwas für mich wäre und könnte mir gleichzeitig Zeit lassen, da mir ohnehin das Können fehlte, wirklich schnell durch de Berge zu laufen. Gedacht, getan, gemeldet. Der Karwendelmarsch lief gut und so meldete ich mich für den DarßMarathon an, sobald die Anmeldung offen war.

Warum auf dem Darß? Zum einen, weil der liebe Kutschi vom Teufel-Team mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte. Mit „landschaftlich schön“ bin ich ja schon in den Karwendelmarsch gequatscht worden, scheinbar legt das bei mir irgendeinen Schalter um.
Zum anderen verbinde ich mit der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst ein paar wirklich schöne Kindheitserinnerungen, haben wir dort doch den einen oder anderen Sommerurlaub verbracht.
Es lag also auch nahe, nicht nur für den Marathon hinzufahren (was bei einer Anfahrt von knapp 1.000 km sowieso Käse gewesen wäre), sondern das ganze mit einem kleinen Urlaub zu verbinden.

Ein paar Tage vor dem Marathon reisten der Laufmotivator und ich also an, bezogen unser Quartier in Prerow und erkundeten laufend und radelnd die Gegend.
So sehr ich die Nordsee auch liebe, die Ostsee hat halt auch für immer irgendwie einen kleinen Platz in meinem Herzen für sich eingenommen.
Grade der Darß hat da landschaftlich so viel zu bieten. Der Urwald, die ewigen Strände, der Wind am Weststrand, das Schilf am Bodden, die Steilküste in Ahrenshoop… Hach!

Quasi ab der ersten Stunde vor Ort merkte ich schon, wie gut mir das alles tat und obwohl ich nicht wirklich viel Selbstvertrauen hatte, was den Marathon anging, beschloss ich doch, das beste daraus zu machen.
Irgendwie lief die Vorbereitung nur so mäßig. Das ist bei mir generell nix Neues, aber es überrascht und demotiviert mich doch trotzdem jedes Mal wieder.
Ich hatte mir meinen Trainingsplan selbst irgendwie zusammengestückelt, da mein Lieblingsbuch nur Pläne für eine Zielzeit von 04:00 und 04:30 hergab, mir das eine aber zu schnell und das andere zu langsam war. Ich verglich also einfach für jede Woche die Einheiten und passte die Umfänge entsprechend an. War wohl die richtige Entscheidung, sogar der Pulsbereich passte und am Ende sollte sogar die erhoffte Zielzeit auf der Uhr stehen.

Am Wettkampftag mussten wir wie gewohnt viel zu früh aufstehen. Der Laufmotivator nötigte einer gewohnt grummeligen Füchsin ihre Marmeladenbrote auf und dann ging es zum Start nach Wieck. Dort auf dem Parkplatz trafen wir uns mit Stefan, Luna und ein paar Bekannten, die den Halbmarathon bestreiten würden und für die ich am Vortag die Startunterlagen abgeholt hatte. Gemeinsam ging es dann Richtung Startbereich, hier trafen wir auf Kutschi und Silke, aber für mehr als ein kurzes Hallo war keine Zeit mehr.
Nach dem Startschuss versuchte ich noch, an den beiden dranzubleiben, ließ allerdings nach kurzer Zeit abreißen, da sie mir entschieden zu schnell waren.
Seit dem Rennsteig-Halbmarathon, bei dem mich Sven und Elli am Anfang so gut ausgebremst hatten, gehe ich eigentlich jedes Rennen über zehn Kilometer anfangs lieber etwas defensiver an. Ich hab einfach gemerkt, dass mir das bei der Krafteinteilung wirklich hilft und für den Kopf ist es auch keine so schlechte Sache, wenn man zunächst zwar vom ganzen Feld überholt wird, nach dem dritten Kilometer aber problemlos Läufer um Läufer einsammeln kann.
So trabte ich also die ersten Kilometer locker vor mich hin. Wirklich gut fühlte ich mich ehrlich gesagt nicht, aber wir haben ja bereits festgestellt, dass ich immer so meine sieben Kilometer brauche, um meinen Laufrhythmus und meine gute Laune zu finden.
Warmgelaufen hatte ich mich auch nicht. Ich hatte ja 42,2 Kilometer vor mir und geplant, zumindest die erste Hälfte ganz vorsichtig anzugehen – wozu also mit zusätzlichen Kilometern stressen?
Das führte dann allerdings auch dazu, dass ich die kompletten sieben Kilometer von Wieck bis zum ersten VP in Prerow brauchte, um die schlechte Laune abzuschütteln – was auch der Laufmotivator zu spüren bekam, der kurz vorm ersten VP an der Strecke stand, und den ich angrantelte, weil … ach naja, sagen wir so, im Laufen ein Buff fallen zu lassen und wieder aufheben zu wollen ist schwierig und mit schlechter Laune eh. Er nahm es glaube mit Humor, er kennt das ja schon (es tut mir Leid, ehrlich!), und nachdem ich dann die ersten Kilometer durchgestanden und etwas getrunken hatte, kam auch das Lächeln wieder zurück.
Durch Prerow zu laufen war zwar recht anstrengend, da sich die Strecke bis zum Wald ganz schön zog, aber es war so toll, wie viele Leute am Rand standen und die Läufer anfeuerten. Trommler, Familien, applaudierende Passanten … eine Gruppe Frauen an Spinnrädern – das hat schon gut geholfen.
Nach Prerow ging es in den Wald, ich trabte locker und fröhlich vor mich hin und freute mich einfach über den schönen Tag. Das Wald duftete so unglaublich, wie nur nur ein Küstenwald duften kann, ich dachte an Ostsee- und Dänemarkurlaube und genoss jeden Schritt.
Unterwegs tauchte immer mal wieder der Laufmotivator am Streckenrand auf und versorgte mich mit Gels, Gummibärchen und Riegeln, je nachdem, was ich gerade für richtig erachtete.
Nach dem Wald ging es auf den Deich in Richtung Ahrenshoop. Ein bisschen traurig war ich schon, dass ich die Waldwege hinter mir lassen und auf einen asphaltierten Radweg wechseln musste, aber man kann eben nicht alles haben.
Der Deich bedeutete für mich auch Halbzeit und ehe ich wirklich begreifen konnte, dass ich schon einen Halbmarathon hinter mir hatte, war ich auch schon über die Zeitnahmematte gelaufen. Kurz vorher hatte mir der Laufmotivator noch gesagt, dass ich Kutschi und Begleitung bald einholen würde und in Ahrenshoop flog ich dann tatsächlich an den beiden vorbei. Ich hätte ja angehalten, aber ich hatte gehört, dass es im Ziel Bier gäbe und naja, da beeilt man sich halt.
Es ging eine kleine Steigung hinauf und dann einen wunderbaren Weg immer entlang der Steilküste. Dieser Blick aufs Meer, der ist einfach immer wieder schön. Daran satt sehen? Nein, das geht nicht.
Leider war der Abschnitt am Meer nicht so lang und viel zu schnell ging es auf die andere Seite der Halbinsel und zum Bodden. Hier ging es immer am Schilf entlang bis zum Ahrenshooper Hafen und von dort laaange geradeaus, rechts den Bodden und links vor allem Gras. Vor diesem Stück hatte ich mich ein wenig gefürchtet, lag doch auf diesem Abschnitt der berüchtigte Kilometer 35, vor dem ich von so vielen gewarnt worden war („Ab da wird’s richtig hart! Da brechen die meisten ein!“) – aber irgendwie war da nix. Meine Beine liefen und liefen und liefen wie ein Uhrwerk. Schneller hätte ich vermutlich nicht werden können, aber ich wurde auch nicht langsamer und der Laufmotivator versorgte mich in genau den richtigen Abständen mit Kohlenhydraten und Motivation.
Ein bisschen Respekt hatte ich vor dem Abschnitt außerdem, weil einen der Wind dort ziemlich kalt erwischen kann – kein Baum, kein Strauch, nur eine weite ebene Fläche. Das Wetter spielte aber super mit, nicht nur dort sondern generell schon den ganzen Tag.
Sonne, Wolken, irgendwas um die 17 °C, eine leichte Brise – Hätte es zwischen Kilometer 30 und 35 noch ein bisschen genieselt, es wäre einfach perfekt gewesen. Das ist jetzt aber Jammern auf höchstem Niveau.
Nach dem langen Streckenabschnitt am Bodden entlang ging es schließlich über einen Campingplatz und von dort aus nach Born. Hier standen wieder zahlreiche Menschen an der Strecke, es gab Musik und zusätzlich zu den VPs in gefühlt jeder zweiten Einfahrt einen privaten Wasserstand. Wer beim DarßMarathon verdurstet, ist einfach selber Schuld.
Der Weg durch Born war auch nochmal ganz schön weit, trotzdem brachte ich ihn gefühlt um einiges schneller hinter mich als noch tags zuvor, als wir die Strecke mit den Rädern abgefahren waren. Zudem begleitete mich der Laufmotivator auf dem Rad ein ganzes Stück, was mich ganz gut nochmal pushte und mir Kraft für die letzten Kilometer gab.
Ich schielte immer öfter auf die Zeit und war jedes Mal wieder überrascht – 05:55/km, das war schneller, als ich gehofft, als ich je zu träumen gewagt hätte. Klar, ich hatte darauf trainiert, in ungefähr 04:15 ins Ziel zu kommen, vielleicht sogar eine 06:00er-Pace zu laufen, aber nach dem, wie das Training lief, hatte ich kein Stück mehr daran geglaubt, dass das ein realistisches Ziel sein könnte.
Nach Born ging es wieder auf einen Radweg, ein Stück durch den Wald und schließlich wieder am Bodden entlang. Jetzt waren es nur noch zwei, drei Kilometer und ich mobilisierte meine letzten Kräfte und schickte alles in die Beine. Ich rannte und lief und flitzte und flog dem Ziel entgegen. Ich wich Spaziergängern und Nordic-Walking-Grüppchen aus und überholte noch ein paar Läufer.
Am Ortseingang Born standen Stefan und Luna, jubelten mich an, brüllten mich dem Ziel entgegen. Noch eine Kurve, noch zwei Läufern ausweichen, noch fünf Nebeneinanderherwalker aus dem Weg stoßen und dann piepste es auch schon.
Ich war im Ziel.

Ich stoppte dir Uhr, irgendjemand hängte mir eine Medaille um und dann saß ich auch schon auf einem Stein, der Laufmotivator flößte mir etwas zu Trinken ein und ich weinte ein bisschen vor mich hin. Granteln konnte ich auch schon wieder und so fluchte ich über die Wegblockierer, die mir den Zielsprint versaut hatten.
Irgendwann schaute ich dann mal nach meiner Zielzeit.

Handgestoppte 04:11:40. Wahnsinn.
Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.
Auf den Schreck musste ich erstmal ein Eis essen.

Abends ging es zur Feier des Tages noch ins Darßer Brauhaus und danach hatten wir noch ein paar Tage Urlaub, die mir allerdings nicht wirklich halfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Irgendwie bin ich immer noch ein bisschen geflasht angesichts meiner Zielzeit und irgendwie fühlt sich das alles immer noch so weit weg und so unrealistisch an. Als wäre ich gar nicht gelaufen, als wäre ich nur Zuschauer gewesen, nur dabei, aber nicht mittendrin.
Wenn ich aber an den Marathon zurückdenke, habe ich primär ein sehr positives Gefühl und ich glaube, ich möchte das schon nochmal machen. Wer weiß, wie schnell ich erst bin, wenn ich wirklich gezielt und fleißig trainiere?
Falls es dazu kommt, würde ich aber wohl wieder ganz gerne auf dem Darß laufen oder mich für einen vergleichbar schönen Marathon anmelden. Die großen Städte mit ihren zehntausenden Teilnehmern reizen mich aktuell eher weniger.

Aber man soll ja niemals nie sagen…

2 Kommentare zu „DarßMarathon 2019“

  1. Was für ein toller Rennbericht und was für eine super Leistung! Gratuliere dir ganz herzlich zu diesem Erfolg. Den ersten Marathon so super und souverän runterzuspulen, das schaffen nur die wenigsten! Du kannst also mit Recht unglaublich stolz auf das Erreichte sein! Ich bin gespannt, was bei dir als nächstes auf dem Programm steht und hoffe wir sehen uns ganz bald wieder!

    Liebe Grüße aus Berlin!
    Hannah

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Hannah! Ich glaube tatsächlich auch, dass mich am meisten irritiert hat, dass ich die Strecke so problemlos abspulen konnte und danach nicht mal Muskelkater hatte…
      Den Rest des Jahres bin ich wieder auf Trails unterwegs. Falls wir uns da nicht über den Weg laufen, findet sich hoffentlich spätestens in der nächsten Saison wieder die eine oder andere gemeinsame Veranstaltung! 🌻

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