Karwendelmarsch 2018

25. August 2018, 15:02.
Mein Bruder hat mich längst wieder ziehen lassen, ich habe mir gerade am letzten VP ein paar Kekse geschnappt und noch eine schnelle SMS an den Laufmotivator abgesetzt:
„Noch 4. sub10!“

Ende letzten Jahres hatte ich mich zum Karwendelmarsch angemeldet. Start ist in Scharnitz, das Ziel steht in Pertisau am Achensee. 52 Kilometer sind dazwischen zurückzulegen, garniert mit hübschen zweieinhalbtausend Höhenmetern.
Quasi ’n Klacks für einen straßenhalbmarathonerprobten Flachlandtiroler wie mich.
Wie ich auf diese Veranstaltung kam, weiß ich gar nicht mehr so richtig. Irgendwas war da mit „landschaftlich gigantisch“ und „schöner Einsteigerultra“ und dann war es irgendwie auch schon passiert.

Anfang Juni begannen der Laufmotivator und ich mit dem Training. Unter der Woche musste ich auf den flachen Leipziger Pfaden mehr schlecht als recht improvisieren, an den Wochenenden ging es meist Richtung Garmisch oder in die Region Tegernsee-Schliersee-Spitzingsee zum Höhenmetersammeln. Gerade bei letzteren Trainingseinheiten merkte ich, dass ich noch einiges zu tun hätte, dass mein Körper die neue Belastung aber auch ziemlich gut wegsteckte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Training lief gut an, ich hielt mich brav an den Trainingsplan, dann kränkelte ich zwischendurch mal wieder und ab da wurde dann eben fleißig improvisiert und wenn es nicht mehr ging, pausiert.

Kurz vor dem Wettkampf beschlichen mich wieder einige Zweifel, ob das alles so eine gute Idee gewesen wäre, der Stress im Alltag machte mir zunehmend zu schaffen und ich purzelte in ein tiefes, dunkles Motivationsloch.
Das größte Dankeschön, dass ich aufbringen kann, gilt an dieser Stelle meinem wunderbaren Laufmotivator, der meine Launen und meine Lustlosigkeit stoisch und geduldig ertrug und zwei Wochen vor dem Karwendelmarsch festlegte, dass wir an einem Wochenende noch eine Doppeleinheit laufen würden – 20 Kilometer flach am Samstag und 30 bis 35 Kilometer wellig am Sonntag um den Tegernsee, denn „Wer die Strecke an zwei Tagen laufen kann, der schafft sie auch an einem.“

Nun, es wurden für mich dann 18 und 33 Kilometer, die ich die meiste Zeit nur mäßig freudig abspulte. Allerdings liefen ausgerechnet die letzten 25 Kilometer am Sonntag wunderbar fluffig und meinen bisher längsten Lauf (knapp 27 Kilometer) konnte ich auch toppen.

Danach verfiel ich in eine Art Zustand des gleichgültigen Hinnehmens. Ich war weder aufgeregt noch nervös und als dann die Wettkampfwoche anbrach, nahm ich sie nicht als solche wahr.
Jetzt konnte ich ohnehin nichts mehr ändern. Mein Kopf läuft am Ende auch mehr als meine Beine und es würde sich zeigen, wie die Bedingungen – Wetter, Laune, Müdigkeit – sich auf meine Lauflust auswirken würden. Ich würde sehen müssen, was der Samstag brächte.

Am Donnerstag trafen wir uns mit meiner Familie in München.
Meinen Eltern hatte die Veranstaltung gefallen, sodass sie sich und meinen Bruder ebenfalls angemeldet hatten. Sie würden in der Marschwertung starten.
Wir gingen abends essen und fuhren am nächsten Tag zu fünft nach Scharnitz, wo wir unsere Unterkunft bezogen und anschließend die Startunterlagen holten.

Beim Anblick des Startbogens wurde mir dann doch ein wenig mulmig.
Die Wetterprognose verbesserte meine Laune dann aber doch schlagartig – es würde zwischen 5 °C und 15 °C kühl werden, je nach Höhenlage, und die meiste Zeit bedeckt und trocken bleiben. Erst zum Nachmittag sollte es zu regnen beginnen. Na, das sah doch vielversprechend aus.

Nachdem wir alle unsere Startnummern hatten, kamen wir noch für ein Abendessen zusammen und gingen dann recht früh schlafen.

Unnötig zu erwähnen, dass ich grottenschlecht schlief und allen möglichen Mist zusammenträumte, bis mein Wecker mich gegen drei Uhr am nächsten Morgen aus dem schlafähnlichen Zustand riss.
Nach und nach suchten wir alle unsere Sachen zusammen, während es draußen in Strömen regnete. Dann brachen wir zum Frühstück auf.
Viel bekam ich nicht runter, hielt mich aber zumindest an die Sachen die ich mochte (Ei, Würstchen, Hefezopf) und nicht die Dinge, die ich vor einem Straßenhalbmarathongehetze zu mir genommen hätte (Toast, Honig). Hab die Entscheidung zu keiner Zeit bereut.

Es war kurz nach halb sechs, als wir vor die Unterkunft traten, von wo aus uns ein Shuttle zum Start fahren sollte. Ein Transporter stand bereits da und da nur noch ein Platz frei war, gab ich dem Laufmotivator meine Tasche und er fuhr schon mal vor.
Wir anderen vier warteten. Und warteten. Und warteten.
Es war schließlich 05:45, als der Bus endlich kam, ich war zu einem nervösen Nervenbündel mutiert, wir stolperten hinein und ab ging die Fahrt. Acht Minuten später kippte der Bus uns am Start aus, wir suchten und fanden André, wünschten uns gegenseitig ein gutes Durchkommen und trennten uns schließlich – André und ich gingen nach vorne, während meine Familie sich in den Startblock der Wanderer quetschte.
In der ganzen Zwischenzeit wollte ich nur zweimal wieder weg und war nur dreimal den Tränen nah. Ziemlich gute Bilanz eigentlich.

Kurz nach sechs fiel der Startschuss und nach einigem Warten setzten sich die Startermassen dann auch in Bewegung.
Ich verlor den Laufmotivator direkt aus den Augen, fand mich aber damit ab. Früher oder später würde er mich ohnehin ein- und dann überholen.

Irgendwann ließ das Gedränge nach, wenn ich konnte, lief ich, wenn ich musste, wanderte ich. Zwischendurch blieb ich immer wieder stehen um Bilder zum machen.
Zugegeben, die meiste Zeit lief ich grinsend oder staunend vor mich hin, guckte hier Berge und da Wolken und zwischendurch immer mal auf den Weg, der noch vor mir lag.
Nach etwa vier Kilometern hatte mich dann auch der Laufmotivator eingeholt, wir grantelten kurz über nebeneinanderherwandernde Fünfergrüppchen, wünschten uns alles Gute und dann lief er auch schon wieder davon.

Ich verlor jegliches Zeitgefühl und als der erste VP am Schafstallboden vor mir auftauchte, war ich kurz verwundert. Hier lief „Vamos A La Playa“, mein Kopf trällerte „Oh oh ohohooh!“, ich nahm mir etwas mehr Zeit und trank in Ruhe einen Tee, nachdem ich meine Stirnlampe eingepackt hatte. Am Vortag noch schnell gekauft und dann doch gar nicht gebraucht. Schade.

Ein Schild verkündete, wir hätten noch 42,4 Kilometer vor uns. ‚Toll‘, dachte ich mir. ‚Einen Marathon bist du ja auch noch nie gelaufen.‘
Ohne mich groß über mich selbst zu wundern, lief ich weiter.
Es folgten das Karwendelhaus, ein netter Downhill und der kleine Ahornboden und auf einmal war die Hälfte der Strecke geschafft. Ich war seit etwas über vier Stunden unterwegs, fühlte mich aber nicht so.
Mir ging es gut, ich hatte das Gefühl, ewig so weiterlaufen zu können, war aber gleichzeitig verunsichert. Immerhin war das hier bereits der zweite Anstieg und ich war für mein Empfinden bisher viel zu gut vorangekommen.

Naja, und dann kam der letzte Teil des Anstiegs von der Ladizalm zur Falkenhütte.
Zum Glück waren zu dem Zeitpunkt meine Waden bereits gut aufgewärmt und ich war froh und dankbar, meine Stöcke dabei zu haben. Ich weiß nicht, ob ich es sonst hinaufgeschafft hätte.

Oben angekommen gab es wieder den obligatorischen Tee während ich den Murmeltieren zuhörte, die in der Ferne pfiffen und mich seelisch und moralisch auf den Abstieg zur Eng vorbereitete. Leider wurde aus meinem Einfach-rollen-lassen-Plan nichts, die ersten Meter bergab waren ziemlich technisch und durchaus auch nass und rutschig, da die Falkenhütte wie schon zuvor das Karwendelhaus in den Wolken hingen und uns feiner Nieselregen einhüllte.

Ich versuchte also zu laufen, so gut es eben ging, und nicht auf dem nassen Schotter auszurutschen. Zu meiner Rechten ragten die Laliderer Wände in die Höhe, verschwanden aber zum Großteil im Wolkendunst – was ihnen allerdings nichts von ihrer imposanten Erscheinung nahm.

Nach einem weiteren kleinen Anstieg ging es dann auf die finalen Kilometer gen Eng. Wald, Wurzeln, Matsch, Lehm und vor allem viel nasser Schotter und rutschige Wiese sorgten dafür, dass ich bergab gefühlt kaum schneller vorankam als bergauf. Wieder war ich dankbar für meine Stöcke, die mir zusätzlichen Halt gaben uns mich mehr als einmal vor dem Ausrutschen bewahrten.
Dann ging es um eine Kurve, vor uns lang nun der große Ahornboden und ich konnte den Zielbogen der Eng sehen.
Nochmal ein bisschen Gas geben, Lächeln aufsetzen und ab, durch.

Hier ließ ich mir noch einmal etwas mehr Zeit, trank eine Heidelbeersuppe nach der anderen, dazu etwas Tee und mumpelte einige Kekse. Ich setzte noch Nachrichten an die Familie ab, dass sie beim Abstieg zur Eng besonders vorsichtig sein sollten, und schrieb dem Laufmotivator, dass ich gut angekommen wäre.
Dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits weiter gelaufen war, als je zuvor in meinem Leben, nahm ich kaum wahr.
Dann lief ich weiter.

Aus Berichten aus den vergangenen Jahren wusste ich bereits, dass der letzte Anstieg noch einmal richtig fies werden würde.
Einen wirklichen Plan hierfür hatte ich nicht. Ich nahm mir einfach vor, immer weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen und erst zu pausieren, wenn es denn wirklich gar nicht mehr ginge.

Bis zur Binsalm lief es gut.
Bergauf überholten mich die immerselben Leute, während ich sie bergab wieder einsammelte – man erkannte sich irgendwann wieder. Dadurch hatte ich immer mal wieder einen Gesprächspartner, das lenkte ganz gut vom Anstieg ab.

Kurz vor der Binsalm nahm dann der Regen zu und es wurde schnell klar, dass das nicht nur der Wolkennieselregen der letzten Stunden war, sondern dass hier ordentlich Wasser vom Himmel käme.
Nach einem kurzen Blick auf mein Handy wusste ich dann auch, dass mein Bruder nur 15 Minuten hinter mir war und ich war mir sicher, dass er mich in kurzer Zeit eingeholt haben würde.

Der Aufstieg von der Binsalm zum Gramai Hochleger war schier endlos. Die Serpentinen wollten kein Ende nehmen, sie verschwanden einfach in den Wolken, um zwanzig Meter weiter wieder aufzutauchen.
Ich ging und ging und stapfte und stapfte und rutschte immer wieder aus. Nachdem es mir einmal komplett den Fuß weggezogen hatte, ich mich mit Mühe wieder aufrichten konnte, mein Herz raste und ich keine Kraft mehr hatte, um mich mit den Stöcken nach oben zu schieben, stellte ich mich an die Seite und pausierte.

Ich konnte einfach nicht mehr – und dennoch: Mein Kopf, der mir im Training sonst schon bei leichtesten Anstrengungen zum Aufgeben riet, dachte in diesem Moment überhaupt nicht daran. Mein einziger Gedanke galt meinem Atem und dem Weiterkommen.
Egal wie, ich wollte und ich würde diesen Lauf ins Ziel bringen.

In der Zwischenzeit war mein Bruder an mir vorbeigestapft, ich sah ihn immer mal wieder in der Serpentine über mir, wollte aber nicht rufen, damit er nicht die Konzentration verlor.

Nach gefühlten drei Ewigkeiten kam ein Zelt der Bergrettung in Sicht, die Herren dort beglückwünschten uns zum Erreichen des höchsten Punkts und wiesen Richtung VP.
Dort angekommen wickelte ich mich in eine Rettungsdecke, füllte mich mit warmem Tee und rekapitulierte mit meinem Bruder, der inzwischen auf mich aufmerksam geworden war und gewartet hatte, die letzten Kilometer.
Dann machten wir uns an den letzten Abstieg.

Die nassen Schotterwege waren mittlerweile zu kleinen Bächen geworden und ich gab ihm einen meiner Stöcke, damit er auf dem Terrain nicht Halt verlöre.
Das funktionierte zum Glück so weit auch ganz gut und gemeinsam arbeiteten wir uns Stück für Stück nach unten.
Natürlich war dann ich es, die kurz nach dem VP an einer besonders lehmigen Stelle kurz den Halt verlor und ausrutschte. Lehm sei Dank fiel ich relativ weich, sodass ich mich zwar verdreckt aber zumindest unverletzt schnell wieder aufrappeln konnte.

Mein Bruder und ich finishten quasi gemeinsam unseren ersten Marathon, erzählten immer mal, liefen ansonsten mal nebeneinander, mal hintereinander, Stück für Stück, immer weiter dem Ziel entgegen.
Dann meinte er zu mir, ich könne ruhig auch laufen, er wäre mit den Wanderschuhen ohnehin nicht so schnell. Ich lehnte zunächst ab, kurz vor der Gramaialm merkte ich aber, dass ich es problemlos noch schaffen könnte, in unter zehn Stunden ins Ziel zu kommen, wenn ich jetzt noch locker weiterliefe.

Ich verabschiedete mich also, trank einen Tee am VP, schrieb dem Laufmotivator, dass ich nur noch neun Kilometer bis ins Ziel bräuchte und lief los.

Ehrlich, ich habe keine Ahnung, woher meine Beine nach 43 Kilometern noch die Kraft nahmen, in einer Fünfer- bis Sechser-Pace für neun Kilometer über Schotter und Asphalt zu fliegen.
Ich weiß es einfach nicht. Ich kann nur vermuten, dass in dem Moment die Beine nur noch funktionierten und alle Kraft aus dem Willen zogen.

Nach kürzester Zeit war ich am letzten VP angelangt, schnappte mir hier nur noch ein paar vom Regen aufgeweichte Kekse und flitzte weiter, während ich einen Blick auf die Uhr riskierte.
Ich war bis hier hin ziemlich genau neun Stunden unterwegs gewesen. Wenn ich mir jetzt nicht noch beide Beine brach, würde ich das Ding sogar unter neuneinhalb Stunden zu Ende bringen können.
Geflasht, verwirrt und überglücklich packte ich mir mein fettestes Grinsen ins Gesicht und flog dem Ziel über den ekligsten Asphaltendspurt aller Zeiten entgegen.

In Pertisau galt es dann nur noch, den Autos auszuweichen und dabei nicht über die zahllosen Werbetafeln zu stolpern und dann war da auch schon das Ziel.
André tauchte am Rand auf, ich klatsche ab, Fotos wurden gemacht.
Ich stoppte die Uhr, mir wurde eine Medaille umgehängt und dann waren da nur noch Tränen.

Ich hatte es geschafft.

Ich war gerade 52 Kilometer durch die Berge gelaufen und jetzt stand ich hier, heulend vor Glück, hatte damit noch zwei andere um mich herum auch zum weinen gebracht, war in eine Rettungsdecke gehüllt – und fragte, ob es diese leckeren Kekse von den VPs hier auch gäbe.

Prioritäten und so.

Nun, es gab sie und dazu die Nachricht meiner Eltern, dass auch sie heile in der Eng angekommen wären und bereits im Bus zurück nach Scharnitz säßen.
André und ich gingen raus, um unter einem Schirm auf meinen Bruder zu warten, der eine knappe halbe Stunde nach mir im Ziel eintrudelte.
Auch er hatte es geschafft, unter zehn Stunden zu bleiben.

Danach holten wir nur noch unsere Taschen und Finisher-Beutel ab, zogen uns um und saßen dann doch schneller als gedacht im Bus, der uns zurückbringen sollte.

Alles in allem habe ich den Lauf ziemlich gut weggesteckt. Klar, ich war müde wie noch nie und hätte problemlos ein paar Tage durchschlafen können. Die Beine taten danach ordentlich weh, und auch die Schultern meckerten.
Aber alles in allem bin ich ohne größere Blessuren davongekommen und auch der Muskelkater ist seit gestern endlich passé.

Also… Höchste Zeit, den nächsten Blödsinn zu melden!

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4 Kommentare zu „Karwendelmarsch 2018“

    1. Vielen lieben Dank und die Glückwünsche richte ich aus!
      Ich bin auch beeindruckt, dass das alle so toll gemeistert haben und ich glaube, mein Paps möchte im nächsten Jahr nochmal hin, um seine Zeit zu verbessern.
      Das ist schon ziemlich toll. 🙂

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