Der Berg, die Treppe und der Harztor-Lauf

Der diesjährige Harztor-Lauf bildete als desaströse Hitzeschlacht das Finale eines äußerst aufregenden Wochenendes.
Wie bereits im vergangenen Jahr kann ich es leider nicht bei einer reinen Wettkampfbeschreibung belassen – aber ihr seid ja schon daran gewöhnt, überlange Texte von mir vorgesetzt zu bekommen.

Also, wo fang ich an… Ja, genau.

Freitag.

Ich hatte an dem Tag Urlaub genommen, wir wollten in die Berge fahren und mal testen, wie ich mich so schlage, wenn es darum geht, einen richtigen Berg hoch und wieder runter zu laufen.
Gedacht, getan, gelaufen.
Wir fuhren nach Garmisch-Partenkirchen und parkten das Auto an der Wankbahn. Von dort aus erklommen wir, mal wandernd, mal laufend, in der Mittagswärme des Tages den Gipfel. Zum Glück hatten wir genug Wasser dabei und zu unserer großen Freude wartete oben sogar ein Weißbier auf uns.
Der Aufstieg war für mich Flachlandtiroler schon recht anstrengend gewesen, allerdings merkte ich, wie die Beine mit der Zeit immer besser mitspielten. Ich muss wohl also wie bei jedem anderen Lauf auch hier erstmal ein bisschen warm werden.
Auf den Abstieg freute ich mich, hatte aber auch gehörigen Respekt davor, da ich schon beim Wandern bergab so meine Probleme habe.
Umso glücklicher war ich, dass die Ängste vor zu hohen Stufen quasi nicht mehr existent sind, wenn man sie einfach überspringen kann. Danke an dieser Stelle an meinen Schutzengel, dass ich mich nicht ein einziges Mal auf die Fresse legte und mich bei jedem Straucheln wieder abfangen konnte.
Ich bin nicht sicher, ob der Laufmotivator gestaunt oder verständnislos den Kopf geschüttelt hat ob meiner Raserei, jedenfalls muss ich den gesamten Weg gestrahlt haben wie ein Honigkuchenfuchs.
Unten angelangt merkte ich schon, dass der Spaß sehr auf Kosten meiner Oberschenkel gegangen war, dachte mir aber nichts dabei. Ich strahlte, ich war zufrieden, ich ignorierte meine zitternden Beinchen.
‚So ein bisschen Muskelkater wird’s schon geben, klar. Aber wie schlimm kann der schon werden?‘, dachte ich noch auf der Rückfahrt nach München. Süß, wie naiv man so als Grünschnabel noch ist, oder?

Samstag.

Aua. Auuuaah. AU!
Verdammt, wer hatte denn diese blöde Idee, in die Berge zu fahren?
Ich?
WIE, ICH?! … Ach ja. Stimmt.
Mist.

Unschwer zu erkennen, natürlich hatte ich den Muskelkater meines Lebens. Absolut fantastisch, so einen Tag vorm Wettkampf. Getreu dem Motto: „Klug war’s nicht, aber geil.“
Laufen klappte so semi, immer wieder knickten mir die Beine einfach unter der Hüfte weg. Treppen kam ich im besten Falle langsam, zum Teil auch nur rückwärts runter.
Nun, mit „Treppe“ sind wir auch schon beim Thema.

Relativ zeitig brachen wir in München auf, unser Ziel hieß Radebeul, wo zum nunmehr vierzehnten Mal der Sächsische Mount Everest Treppenmarathon stattfinden sollte.
Zunächst ging es aber noch kurz nach Leipzig, der Laufmotivator kippte mich aus und düste direkt weiter, während ich noch flink ein paar Kuchen zusammenrührte und mich dann meinerseits auf den Weg machte, um ein paar der Teilnehmer seelisch und moralisch zu unterstützen und im Küchenzelt auszuhelfen.

In Radebeul angekommen, waren die Einzelstarter bereits unterwegs und so begrüßte ich im Läuferzelt erst einmal nur Beate und Christian, die zur Unterstützung für Daniel und Schluppe angereist waren.
Letztere waren in diesem Jahr als Einzelstarter an den Start gegangen, nachdem sie im letzten Jahr zusammen mit dem Laufmotivator erfolgreich in einer Dreierseilschaft die Treppe bezwungen hatten. Ihre wirklich sehr lesenswerten Berichte findet ihr hier und hier. Auch an dieser Stelle nochmals: Hut ab ihr beiden!

Nach kurzem Smalltalk begab ich mich ins Küchenzelt, wo mich eine freudestrahlende Corinna zur Begrüßung fast umrannte.
Einfach großartig, so eine Begrüßung. Danke dafür, mir geht immer noch das Herz auf, wenn ich daran denke! ❤

Bevor um 19 Uhr meine Schicht startete, hatte ich noch kurz Zeit, Daniel und Schluppe anzufeuern, danach hieß es vier Stunden lang Schnittchen schmieren, Obst schnippeln, Kuchen aufschneiden, Brühe anrühren undundund…
Das war mal eine ganz neue Erfahrung, als Helfer bei so einem Lauf mitzuwirken, und es hat enorm viel Spaß gemacht, zumal sich die meisten Läufer bei uns wohl ganz gut umsorgt fühlten.

Nach Schichtende ruhte ich mich noch kurz im Läuferzelt aus, unterhielt mich ein wenig mit den Anwesenden und begab mich dann – müde, vermuskelkatert und mit kratzendem Hals – auf den Rückweg nach Leipzig.
Immerhin wollte ich am nächsten Tag so fit wie möglich sein.

Sonntag.

Na großartig.
Was ist denn jetzt kaputt?

Gut, ich hatte recht ruhig geschlafen, aber irgendjemand muss mir meinen Körper mitsamt gutem Trainingszustand in der Nacht geklaut und durch ein Wrack ersetzt haben.
Ich konnte immer noch nicht richtig laufen, der Hals tat weh, ich hatte Druck im Kopf und das Einzige, das tatsächlich fleißig lief, war die Nase. Ganz großes Tennis. Zum Glück gönnte ich mir keine Zeit zum Nachdenken und so saß ich im Auto und düste gen Harztor, bevor ich hätte überlegen können, dass eine Wettkampfteilnahme in diesem Zustand vielleicht keine so gute Idee sein könnte.

Wozu auch überlegen, ich freute mich viel zu sehr auf diesen Lauf, an dem ich in den letzten beiden Jahren bereits teilgenommen hatte und der mich beide Male sehr zufrieden und glücklich zurückgelassen hatte.
Mein ursprünglicher Plan war, mir meinen 2. Platz in der AK zurückzuholen, den ich 2017 leider gegen einen 3. Platz hatte tauschen müssen. Mir war aber auch klar, dass ich in meiner derzeitigen körperlichen Verfassung und bei den angekündigten Temperaturen jenseits der 20°C, die so gar nicht zu meiner Wohlfühltemperatur gehören, nicht wirklich viel würde holen können.
Klar, das ärgerte mich natürlich zunächst, als ich mich aber damit abgefunden hatte, konnte ich mich einfach auf die schöne Strecke freuen.

In Niedersachswerfen angekommen holte ich meine Startunterlagen und meinen Starterbeutel ab und freute mich einmal mehr über all die Dinge, die man als Läufer so für seine kleine Anmeldegebühr erhält.
In diesem Jahr gab es neben den zwei Medaillen und diverser Sportlernahrung einen Turnbeutel und ein T-Shirt. Großartig!

Ich hatte noch ein bisschen Zeit bis zur Abfahrt des Shuttlebusses und so humpelte ich noch einmal zum Auto, füllte eine kleine Wasserflasche, die ich beim Lauf mitführen wollte und lies diversen Krimskrams im Kofferraum zurück.
Danach ging es zu den Bussen, die pünktlich halb zwei abfuhren und die 8-km-Läufer nach Ilfeld brachten.

In Ilfeld versuchte ich, mich so vorsichtig wie möglich warm zu laufen.
Gefühlt bestand ich nur aus Schmerzen, aber die Bewegung verschlimmerte sie zumindest nicht. Im Gegenteil, je näher der Start rückte, desto mehr trat der Muskelkater in den Hintergrund. Adrenalin ist schon eine echt feine Sache.

Dann fiel der Startschuss. Ich stakste los und verfluchte innerlich die ersten paar hundert Meter, in denen es nur bergab geht. Den nachfolgenden Aufstiegsteil nahm ich dafür umso lockerer und auch das unebene Gelände machte mir kaum Probleme.
Gleichzeitig war ich froh, etwas Wasser dabeizuhaben, denn die Sonne brannte unerbittlich und ich ahnte schon, dass das nicht nur für mich verdammt lange acht Kilometer werden würden.

Nach dem ersten Waldstück saß eine Läuferin neben dem Weg, da aber bereits einige Helfer drumrum standen, lief ich weiter, die letzten Meter durch den Wald und ab auf den Radweg. Auch hier hatten sich nach wenigen Metern einige Helfer um einen, wie es aussah, kollabierten Jungen versammelt.
Ich lief weiter, hatte selbst mit Übelkeit und Atemnot zu kämpfen und versuchte, mich nicht ablenken zu lassen und nur auf meine Schritte zu konzentrieren.
Zwei Läufer überholten mich und fragten, ob alles in Ordnung wäre. Mir wurde bewusst, dass ich klang wie eine verendende Dampflok, und ich rief den beiden zu, dass sie sich erst um mich sorgen müssten, wenn sie mich nicht mehr hörten. Sie quittierten es mit einem Lachen und zogen weiter.

Das Laufen fiel mir immer schwerer und schwerer, ich hatte das Gefühl, noch nie so untrainiert gewesen zu sein und bei jeder Kurve betete ich, dass danach endlich ein Versorgungspunkt mit Wasser kommen möge.
Mein Flehen wurde erst nach fünfeinhalb Kilometern erhört, kurz vor zu spät.
Liebes Orgateam, vielleicht wäre es möglich, bei solchen Temperaturen im nächsten Jahr einen zusätzlichen Versorgungspunkt unterwegs zu installieren? Beispielsweise am Radweg? Das würde sicher vielen Läufern helfen.

Ich trank anderthalb Becher Wasser, die gefühlt noch auf dem Weg in den Magen verdampften, den Rest kippte ich mir einfach über den Kopf. Auch meine kleine Flasche hatte ich mir neu befüllen lassen und spritzte mir auf den restlichen Kilometern immer mal wieder Wasser ins Gesicht und in den Nacken.

Dann brach endlich der letzte Kilometer an und ich klemmte mich noch ein wenig verbissener an die Hacken einer Dame, die schon eine ganze Weile in konstantem Tempo vor mir lief.
Auf der Zielgerade konnte ich sie dann noch überholen und nach 47 Minuten und 28 Sekunden erreichte ich völlig erschöpft und zitternd das Ziel. Dort ließ ich mir eine Medaille umhängen, schnappte mir eine Flasche Wasser und vergrub dann das Gesicht in einer Familienportion Wassermelone.

Hinsetzen, essen, trinken, essen, schwitzen, zittern, allen Bescheid geben, dass man noch lebt, trinken, trinken, trinken.
Dann holte ich meine Tasche und ging zu den Duschcontainern, die in diesem Jahr erstmalig installiert worden waren. Großartige Idee, ehrlich! Besonders in diesem Jahr.
Wobei ich denke, dass diese Minidusche, in der man sich in Klamotten erfrischen konnte, auch gut angenommen wurde.

Nach der Dusche und einem großen Eis kehrten die Lebensgeister wieder zurück und ich begab mich zur Siegerehrung.
Wirklich Hoffnung auf eine AK-Platzierung hatte ich keine, war ich doch um die drei Minuten langsamer gewesen als in den Vorjahren, aber deswegen kann man ja trotzdem den Gewinnern applaudieren.

Ich gebe zu, ich staunte nicht schlecht, als meine Name dann aufgerufen wurde.
Ich hatte es geschafft! Ich hatte mir meinen zweiten Platz zurückerkämpft!
Keine Ahnung, wie ich das gemacht hab, aber die Enttäuschung über die mieserable Zeit (die in Anbetracht der Umstände eigentlich verdammt gut ist) verpuffte und zurück blieben nur Stolz und Freude. Und Muskelkater. Noch mehr Muskelkater.

Ihr Lieben, dieser Harztor-Lauf… Der hat es mir wirklich angetan.
So ein wunderbarer, kleiner Lauf, der mit so viel Herzblut organisiert wird und der rund um die verschiedenen Laufstrecken noch so viel mehr an Programm für die Zuschauer bietet. Einfach klasse und immer wieder empfehlenswert!
So es denn passt, werde ich mich vielleicht im nächsten Jahr an die Halbmarathon-Distanz wagen. Mit Bleistift ist der Termin zumindest schon eingetragen.

P.S.
Heute ist Mittwoch. Und heute komme ich Treppen endlich wieder halbwegs normal runter.
Ich dachte, ihr solltet das wissen.

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