14. Magdeburg Marathon – Halbmarathon

So nichtssagend der Titel, desto bedeutender der Wettkampf für mich.

Der Lauf ist mittlerweile fast eine Woche her, aber erst heute habe ich so wirklich die Zeit und den Kopf, nach ein paar angemessenen Worten für den vergangenen Sonntag zu suchen.

Drehen wir die Uhr mal fünf Tage zurück.

Es ist Sonntag. Sonntag, der 22. Oktober.

Der Wecker klingelt, es ist halb sechs morgens, draußen ist es stockfinster. Ich habe miserabel geschlafen, neben mir grummelt der Laufmotivator.

An jedem anderen Sonntag würde ich sicher den Wecker und mein Vergangenheits-Ich zur Hölle wünschen, mich nochmal umdrehen und einfach weiterschlafen. Aber heute geht das leider nicht – denn heute steht der für mich wichtigste Wettkampf des Jahres an. Der Halbmarathon in Magdeburg.

Magdeburg. Meine geliebte Domstadt an der Elbe. Mein verlorenes Zuhause.

Wer mich und meine Lauferei in den letzten Monaten ein bisschen verfolgt hat, hat sicher mitbekommen, dass mir dieser Lauf wirklich unheimlich wichtig ist.

Die Strecke ist wahnsinnig toll, führt sie doch zum größten Teil über meine alten Laufwege und viel an meiner Elbe entlang. Das Wetter soll großartig werden und insgeheim sage ich mir immer und immer wieder, dass ich jeden Trainingslauf und jeden Wettkampf in diesem Jahr im Grunde nur für diesen einen Tag absolviert habe – schon allein, weil ich nach dem 10-km-Lauf in Magdeburg im vergangenen Jahr eine Revanche will! Aber das ist eine andere Geschichte…

Der große Tag ist nun also gekommen und ich schäle mich aus dem Bett. Müde, knurrig, missmutig – ich bin bester Laune und in genau der richtigen Verfassung für einen Halbmarathon, in dem ich meine in Rostock aufgestellte Bestzeit mindestens so verbessern will, dass ich weniger als zwei Stunden für die 21,095 Kilometer benötige.

Ich brauche ewig im Bad und während der Laufmotivator frühstückt, habe ich einen Nervenzusammenbruch und einen Wutanfall, randaliere erst im Bad und eskaliere dann völlig beim Packen meiner Tasche.

Zum Glück habe ich den besten Mann der Welt an meiner Seite, der mich erst beruhigend in den Arm nimmt und dann darauf achtet, dass ich das von ihm ganz liebevoll geschmierte Marmeladenbrötchen auch brav aufesse.

Wir kommen zu spät los. (Wir liegen absolut gut in der Zeit, aber mein Chaoskopf meckert und jammert und quengelt lieber, als das einzusehen.)

Als wir kurz vor Magdeburg sind, habe ich schon wieder Tränen in den Augen. Ob das jemals vorbeigehen wird, dieses überemotional-sentimentale Augenfluten, wann immer ich an dieser Stadt vorbeifahre?

Wir sind gut durchgekommen, ich habe unterwegs öfter gegähnt als dass wir anderen Autos begegnet wären und sind natürlich rechtzeitig da. Der Chaoskopf hat sich mittlerweile wieder etwas eingekriegt und wir laufen zu den Messehallen, wo ich meine Startunterlagen in Empfang nehme.

Natürlich werde ich immer nervöser und möchte eigentlich nur noch weg, aber der Laufmotivator möchte lieber noch eine Runde über die Messe drehen und ich begleite ihn natürlich. Alles ist besser, als jetzt alleine zu sein.

Nachdem wir meine Tasche endlich abgegeben haben, folgt die übliche Verzweiflung ob meiner Unfähigkeit, Zeitnahmechips in der Schnürung meiner Schuhe anzubringen. Mal ehrlich, warum kann man nicht für alle Laufveranstaltungen durchsetzen, dass diese Zeitnahmenubsis einfach hinten an die Startnummer geklebt werden? Das hätte mir schon einiges an Wut, Hektik und Blamage erspart…

Irgendwann schaffen wir es dann doch, das Metallstück auf meinem Fuß festzuzurren und dann muss ich mich auch schon verabschieden. Immerhin muss ich mich noch warmlaufen und der Mann hat sich bereit erklärt, an der Strecke zu stehen und mir unterwegs Mut zu machen.

Das Warmlaufen ist ok, wenn man mal von den schweren Beinen, der stechenden Lunge und dem auch sonst echt müden Kadaver, den ich da heute Morgen in Laufklamotten gesteckt habe, absieht.

Ich bin unmotiviert und habe scheinbar jegliches Selbstvertrauen mit meiner Tasche zusammen abgegeben. Keine Ahnung, wie ich es schaffen soll, diese Strecke – einen Halbmarathon! Über 21 Kilometer! 21,095!!! – in unter zwei Stunden zu bewältigen.

Aber naja, jetzt stehe ich halt im Startblock und ich hab ja dafür bezahlt und es ist kühl und die Sonne scheint und ich mag ja die Stadt und die Strecke und naja… Ach, was soll’s. Wenn ich einmal hier bin, kann ich auch einfach loslaufen.

Und dann fällt auch schon der Startschuss…

Um mich herum ist auf einmal alles in Bewegung und ich merke, dass auch ich laufe. Einfach so. Und es fühlt sich großartig an.

Da ist nichts mehr von der Schwere und der Müdigkeit, die ich vorher gespürt habe und es dauert keine fünf Schritte, da habe ich ein Lächeln im Gesicht.

Wir verlassen die Messe und biegen nach rechts ab, auf die Straße Richtung Herrenkrug. Ich laufe mitten in einem Pulk, viele überholen mich, aber das ist mir egal. Ich bin etwas zu weit vorne gestartet und auch weiß ich, dass ich einige von denen später wieder einholen werde, weil sie zu schnell losgerannt sind. Außerdem laufe ich heute nicht gegen die anderen, sondern nur gegen mich. Ich habe wieder einen Blick in die Ergebnislisten des letzten Jahres geworfen und mir wie schon in der vergangenen Woche ein Primär- (unter 01:55:00 und WHK Top20) und ein Sekundärziel (unter zwei Stunden, WHK Top30 oder Top50, je nach Stärke der anderen) gesetzt. So lange ich eines davon erreiche und nicht komplett einbreche (oder gar abbrechen muss), bin ich schon zufrieden.

So laufe ich halt vor mich hin und denke die ganz normale Grütze, die man eben so denkt, wenn man so vor sich hin läuft.

Ehe ich mich versehe, bin ich auch schon an meiner Hochschule vorbei und durch den Herrenkrugpark durch, es folgt eine scharfe Kurve und dann geht es an der Elbe entlang wieder zurück und über den Herrenkrugsteg zum Wissenschaftshafen.

Unterwegs ist auf einmal ein alter Freund aus Magdeburgzeiten neben mir, über dessen Auftauchen ich mich sehr freue. Wir laufen ein Stück zusammen, wechseln ein paar Worte und verlieren uns dann wieder den Augen – aber das ist auch okay, immerhin ist das hier kein Lauftreff sondern ein Wettkampf!

Nach dem Wissenschaftshafen geht es immer weiter an der Elbe entlang. Kurz vorm Nordbrückenzug werde ich dann wieder etwas aufgeregt, weiß ich doch, dass der Laufmotivator dort stehen und mich anfeuern will – und dann sehe ich ihn auch schon. Ich winke und freue mich, er strahlt mich an, macht ein paar Fotos und dann bin ich auch schon wieder vorbei.

Weiter geht es, unter den Brücken durch und zum Petriförder. Da stehen zwei meiner besten Freundinnen und jubeln, als ich vorbeilaufe. Sie haben sogar ein Pappschild gebastelt (<3). Ist das zu glauben? Mein eigenes Schild!

Der Weg führt weiter Richtung Süden, unter der Strombrücke hindurch, am Fuß des Doms entlang und dann endlich über die Sternbrücke in den Stadtpark.

Auf der Sternbrücke herrscht einfach fantastische Stimmung. Eine Band spielt, unzählige Zuschauer stehen am Rand und feuern die Läufer an, geben uns nochmal eine ordentliche Portion Motivation mit – es ist einfach toll!

Hinter der Sternbrücke biegen wir rechts in den Stadtpark ein und ich laufe nun auf einer meiner liebsten Laufstrecken. Ab zur Südspitze und von dort wieder zurück, am Cracauer Wasserfall und der alten Hubbrücke entlang zum Werder.

Als wir über die Anna-Ebert-Brücke laufen, wird mir kurz ganz flau. Das war immer mein Heimweg. Es ist nicht weit bis nach Hause, nur ein paar hundert Meter. Der Heimweg in einem anderen, einem vergangenen Leben…

Ich schiebe den Gedanken so gut es geht beiseite und laufe weiter. Langsam werden die Beine schwer, aber ich liege verdammt gut in der Zeit und gleich müsste wieder Streckensupport auftauchen… Und da seh ich ihn schon. André steht an der Seite, gibt mir Kraft, treibt mich weiter und kurz darauf stehen auch meine Freunde wieder am Streckenrand und treiben mich weiter: „Du hast es fast geschafft!“

Wir laufen in den Elbauenpark und um den Jahrtausendturm herum. Es müssten noch drei, vielleicht vier Kilometer sein. Ich bin schon so weit gekommen, ich liege so gut in der Zeit – und dann kommt der Mann mit dem Hammer.

Von jetzt auf gleich kann ich einfach nicht mehr. Ich möchte nicht mehr. Meine Beine sind schwer, ich bin müde und schwach und das Gras hier sieht einfach wahnsinnig gemütlich aus.

Zum Glück bin ich schlau genug, weiterzulaufen, während ich über ein Nickerchen auf der Wiese nachdenke und dann ist es auf einmal gar nicht mehr weit.

Die Ehrenrunde durch den Elbauenpark ist trotzdem ziemlich übel für den Kopf. Man ist dem Ziel so nah und wird dann noch kreuz und quer durchs Gelände geleitet. Es fühlt sich definitiv an wie der härteste Teil des Rennens und ich bin froh, dass das Ende schon in Sicht ist.

Kurz gerate ich noch in eine kleine Massenkarambolage, ausgelöst durch eine Läuferin, die mal eben quer von rechts nach links die Spur wechselt, und durch mehrere nebeneinander gemütlich quatschende Stockspazierer (mal ehrlich, warum lässt man die bei Wettkämpfen auf die Laufstrecken?), kann mich aber relativ schnell wieder freilaufen und bin unheimlich froh, als wir hinter der Seebühne den Park wieder verlassen und endgültig auf die Zielgerade einbiegen dürfen.

Aus meinem geplanten Endspurt wird nichts, ich möchte einfach nur ankommen und laufe so gut es geht und halb in Trance immer weiter vorwärts.

Dann sehe ich die Zeit über dem Ziel leuchten. Da steht irgendwas von 01:54:irgendwas. Aha aha. Na gut…..Moment mal. Was?

Mir wird klar, dass ich es tatsächlich schaffen kann, in unter 01:55:00 über diese Ziellinie zu laufen, mobilisiere sämtliche Reserven – und schaffe es tatsächlich.

Zitternd stehe ich im Ziel und nehme meine Medaille entgegen.

Ich brauche jetzt erstmal Wasser. Viel davon. Und eine Dusche. Und eine Umarmung. Reihenfolge egal.

Auf meiner Urkunde wird später 01:54:38 (brutto) stehen. 01:54:19 netto. 20. Platz WHK, 89. Frau.

Und heute?

Heute, fünf Tage später, kann ich es immer noch nicht so richtig fassen.

Ich habe den Lauf, der mir am allerwichtigsten war, in einer fantastischen Zeit absolviert. Ich habe meine bisherige Bestzeit um über elf Minuten geschlagen und damit pulverisiert (!!!) und mir selbst gezeigt, dass ich gar nicht immer so viel Angst zu haben brauche. Dass ich auch ruhig mal auf das vertrauen sollte, was ich so kann und dass sich Training tatsächlich auszahlt – auch wenn mal die eine oder andere Einheit krankheitsbedingt ausfällt.

Danke an André, für’s Immer-und-immer-wieder-aufbauen und Motivieren, danke an Basti fürs Geplänkel und tausend Dank an Jenny, Antonia, Michel und Emil für den Support unterwegs. Ihr habt mich an dem Tag ins Ziel getragen. ❤

Und danke an mein Magdeburg, das mir ein wundervolles Zuhause war und am Sonntag einen großartigen Sieg über meine Selbstzweifel ermöglicht hat.

***

P.S.

Bilder und kleinere Einschübe des Liedes, der mir im Zusammenhang mit dem Lauf seit Wochen durch den Kopf geistert, folgen in den nächsten Tagen. Versprochen.

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4 Kommentare zu „14. Magdeburg Marathon – Halbmarathon“

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