11. Isar-Lauf

04:45.
Der Wecker klingelt.
Ich werde wach, stell ihn aus, dreh mich nochmal um. Fünf Minuten später klingelt das Mistding schon wieder.

Herrje! – aber es nützt ja nix. Ich muss schließlich noch den Rucksack packen und so eine U-Bahn wartet bekanntlich auch nicht auf einen. Also dann… Aufstehen, anziehen, zusammenpacken, den Laufmotivator aus dem Bett werfen, Taschen kontrollieren und ab zum Bahnhof.

Es ist Sonntag. Raceday. Der Isar-Lauf steht im Kalender, zehn Kilometer von Lenggries nach Bad Tölz.

Um kurz nach sieben fährt unser Zug, in der Zwischenzeit quäle ich mir sage und schreibe ein Knoppers, eine halbe Brezel und einen Becher heiße Schokolade rein.

Ich hab Magenkrämpfe. Schon seit Samstag. Und ich bin müde. Unfassbar müde.
Motivation? Die liegt noch im Bett. Schlummert komatös.
Beste Voraussetzungen!

Es regnet in München und es regnet auch in Bad Tölz. Herbstwetter vom Feinsten, dazu irgendwas zwischen 10 und 15 Grad.
Die Wolken hängen so tief, dass man von den Bergen, die da angeblich überall rumstehen, grade so etwas erahnen kann.
Das tut mir freilich leid für den Laufmotivator. Mir ist es wurscht. Hauptsache ich seh den Fluss.

Und den seh ich dann auch. Der Start- und Zielbereich liegt auf der anderen Isarseite, wir dürfen also auf dem Weg dorthin eine Brücke queren und ich bleibe auf dieser erstmal stehen.
Ich habe keine Ahnung, wann ich zuletzt solches Wasser gesehen hab. Klar, türkisblau – und es fließt! Mein Flussmädchenherz hüpft ganz aufgeregt.

Isar_1

Die Ausgabe der Startunterlagen funktioniert reibungslos, das war’s dann aber auch schon. In allen anderen Dingen sind die Helfer leider ähnlich planlos wie ich. Fragen zu Shuttle, Taschenabgabe und Duschen bleiben (vorerst) unbeantwortet.

Der Regen hat etwas nachgelassen, es ist immer noch kalt. Das ist ziemlich schön. Der Magen ziept aber immer noch, meine Laune ist auf dem Tiefpunkt, ich bin irgendwie überfordert und frustriert – dabei bin ich noch nicht einmal losgelaufen.

Der Laufmotivator hat seine liebe Not, mich aufzumuntern und ich hab ein ordentlich schlechtes Gewissen, weil ich so gnatzig bin.

Irgendwann ruft ein Mann mit Mikro die Zehn-Kilometer-Läufer zusammen, ich drücke dem Laufmotivator meinen Rucksack in die Hand, nehme meinen Turnbeutel, in den ich am Start die dicke Jogginghose, die Regenjacke und meinen Lieblingspulli stopfen werde, und folge einer Gruppe anderer Läufer zu einem Reisebus.

Dieser bringt uns nach Lenggries, kippt uns aus und ein paar Minuten später stehen wir alle im vermeintlichen Startbereich. Es herrscht allgemeine Verwirrung, weil niemand dort ist und auch noch kein Startbogen aufgestellt wurde.

Der kommt dann ungefähr zeitgleich mit dem zweiten Bus an, in der übrigen Zeit stehen wir in der Kälte oder in der Schlange vorm Dixi rum, ich für meinen Teil stehe eine Weile auf der Brücke und gucke Fluss.

Langsam bekomme ich Hunger, aber die Reste meiner Brezel stecken im Rucksack und der ist beim Laufmotivator verblieben. So ein Mist.

Kurz nach halb elf soll der Startschuss fallen, ich schäle mich zwanzig Minuten vorher aus meinen warmen Kuschelsachen und schlüpfe in die Laufklamotten.

Wenn man eh schon friert, ist es nicht mehr so schlimm, wenn man auf einmal in Dreiviertelhose rumsteht. Man ist ja eh schon kalt. – das weiß ich jetzt.
Beim Einlaufen wird mir aber zum Glück gut warm.
Kurz vorm Start stelle ich mich zu den anderen Läufern. Viele sind es nicht, ich glaube auch nicht, dass es mehr als 600 Läufer auf allen drei Distanzen (10 km, 21 km, 30 km) gewesen sind.

Der Startschuss folgt und ich werde direkt von zwei Dritteln des Feldes überholt. Das ist ja nichts Neues für mich – schnell losrennen und dann stark nachlassen, das kenne ich schon von anderen Läufen und bin mir ziemlich sicher, dass ich die meisten bald wieder einholen werde.

Ich trabe ganz entspannt vor mich hin und finde erstaunlich schnell einen Rhythmus. Nicht zu schnell und nicht zu langsam.
Ich habe zwar keine vorgegebene Zielzeit, würde aber gerne meine Zehn-Kilometer-Bestzeit verbessern. Die liegt offiziell bei einer Stunde, inoffiziell bei knapp unter 56 Minuten.

Die ersten zwei Kilometer sind ätzend. Der Weg ist ein ganz normaler Schotterweg, in dem aber immer wieder größere Steine stecken, die durch den Regen glatt sind wie Schmierseife. Ich knicke einmal leicht um, kann aber direkt weiterlaufen. Hinzu kommen immer mal wieder kleine Holzbrücken, die ähnlich rutschig sind.

Sonst läuft es sich gut, der Weg ist ausreichend breit und durch das kleine Läuferfeld kommt man sich nirgends ins Gehege.

Mein Magen rumort und ich kann den Schmerz ganz gut wegatmen. Bis Kilometer 5 zumindest. Da schießt mir eine Schmerzwelle in den Bauch, die mir die Luft nimmt.
Na ganz stark. Ausgerechnet jetzt.
Ich kann nicht mehr atmen, geschweigen denn gehen, und möchte mich am liebsten auf die Wiese legen. Mir kommen die Tränen und innerlich verfluche ich alles und jeden – äußerlich bin ich stumm, logisch, ohne Atem lässt es sich halt schlecht fluchen.

Ein halbes Dutzend Läufer überholt mich, fragt, ob alles gut sei, ich winke ab.
Dann beiße ich die Zähne zusammen und gehe langsam weiter. Gut. Das funktioniert. Atmen geht auch wieder. Ich gehe schneller, fange dann langsam zu laufen an. Nach ein paar Schritten finde ich mein Tempo wieder, kann die Schmerzen wegdrücken.
Uff. Was für ein Mist.

Dann bin ich auch schon wieder in meiner bisherigen Pace und trabe stur weiter. Zwei Kilometer später bekomme ich Seitenstechen und werde so wütend, dass ich mir selbst sage: „Geht’s noch? Langsam ist mal gut hier!“ – und das Seitenstechen verschwindet.
Mind over Body. Oder so.

Die restliche Strecke kann ich problemlos laufen, ich genieße den Blick auf die Isar, die kalte, klare Luft, den leichten Regen und hole noch den einen oder anderen Läufer ein. Dann bin ich auf einmal schon auf dem letzten Kilometer und gebe nochmal Gas.
Rein in den Zielbereich, die letzte Schleife laufen, Zielbogen, Uhr stoppen, Medaille, ab an die Seite – und atmen.
Atmen und zittern und japsen und dann steht da der Laufmotivator, nimmt mich in den Arm und ich fang an zu heulen.
Sentimentale Mistkacke, aber ich bin so fertig, ich habe immer noch Schmerzen, ich bin müde und vor allem bin ich einfach nur froh, dass es vorbei ist.
Wir organisieren mir alkoholfreies Bier und Kuchen, ich ziehe alles an, was ich dabei habe und langsam kehren meine Lebensgeister zurück und verdrängen die Magenkrämpfe.

Ein Blick auf die Ergebnisliste macht mich dann doch froh. 55 Minuten und eine Sekunde. Platz 71/142 gesamt, 8/21 in der AK und 28/72 bei den Frauen – und meine bisherige Bestzeit hab ich auch geknackt.
Meine Gehpause hat mich fast eine ganze Minute gekostet, aber das lässt sich nun auch nicht mehr ändern.
Zufrieden? Bin ich.

Fazit? Hab ich auch.

Ich glaube, die kurzen, schnellen Sachen sind einfach nichts mehr für mich, aber es nützt ja nix; ein Zehner steht noch im Trainingsplan und den werd ich wohl auch so laufen müssen – denn dass ein „Zehner auf Wettkampfniveau“ ohne Wettkampf nicht funktioniert, das durfte ich ja schon in der Rennsteigvorbereitung erfahren.

Der Isar-Lauf ist eine nette kleine Veranstaltung, für mein Empfinden aber zu teuer. Gut, ich habe mich sehr spät erst angemeldet, trotzdem finde ich 26€ zu hoch für das, was dafür geboten wird..

Ansonsten fand ich das kleine Teilnehmerfeld sehr angenehm. Die Strecke ist wunderbar flach und für schnelle Läufe recht gut geeignet und es ist schön, dass man immer wieder den Fluss ins Blickfeld bekommt. …und der Kuchen im Zielbereich war wirklich verdammt lecker!

Ein Gedanke zu „11. Isar-Lauf“

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