15. Marathonnacht Rostock

Vor zwei Jahren war ich schon einmal hier in diesem Zielbereich der Rostocker Marathonnacht, damals liefen gerade ein paar Marathonis nach einer Zeit von (für mich damals wie heute) sagenhaften dreieinhalb Stunden ein.

Ich weiß noch, wie ich auf dem Markt stand, vor dem Plakat für die Laufveranstaltung, über die Leistungen der anderen staunte und noch zu meinen Eltern sagte: “Naja. Also die 7,7 Kilometer könnte ich mit ganz viel Anstrengung vielleicht auch schaffen. Aber Halbmarathon oder gar Marathon? Niemals. Dauert mir auch viel zu lange.“

Wir lachten und feuerten dann weiter an. Das war im August 2015, einen Monat vor meinem überhaupt allerersten Laufwettkampf (der ging damals auch „nur“ über 5 Kilometer).

Und heut steh ich wieder hier. Auf dem Markt in Rostock, zur Marathonnacht. Nur eine Sache ist anders: Heute wurde ich angefeuert. Heute wurde mir selbst eine Medaille um den Hals gehängt. Heute bin ich selbst gelaufen. Heute waren mir die „Rostocker 7“ zu wenig.

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Es ist 17 Uhr, mein Bruder und ich sind auf dem Weg in die Rostocker Innenstadt.
Er war so lieb, mich für das Wochenende bei sich aufzunehmen und hatte sich dann kurzfristig entschieden, selbst anzutreten. Die „Rostocker 7“ sollten es bei ihm werden, eine 7,7 Kilometer lange Strecke durch die Innenstadt. Für mich stand der Halbmarathon auf dem Plan.

Ein bisschen seltsam, wieder über diese Distanz an den Start zu gehen, diese Distanz, die ich ja so eigentlich nie laufen wollte. Und nun ist es bereits das zweite Mal, das Halbmarathondebut vom Rennsteig scheint gleichzeitig noch so nah und doch schon so verdammt lang her.

Ich bin ordentlich nervös, texte alles und jeden voll, zittere, bin aufgeregt, muss ständig auf’s Klo, fühle mich miserabel vorbereitet – das übliche Vorstart-Mimimi halt.

Im Startbereich am Neumarkt treffen wir dann noch kurz Ralf, den ich schon beim METM kennenglernt hatte, und der den Marathon laufen würde. Wir erzählen kurz und dann muss ich auch schon zur Fähre.
Eine Besonderheit des Rostocker Halbmarathons: Der Start befindet sich nicht in der Innenstadt, sondern am Warnowtunnel und statt Shuttlebussen bringen Fähren die Läufer dort hin.

Ich gebe ja zu, dass ich auch deshalb so lange mit diesem Lauf geliebäugelt hatte.
Die Fahrt ist entspannt und der Wind weht auch die letzten Zweifel davon.
Zurück kann ich jetzt eh nicht mehr, da kann ich auch einfach laufen. Immerhin hab ich ja trainiert, ankommen werde ich schon irgendwie.

Vom Fähranleger geht es in 10 Minuten zum Start, wir haben immer noch über eine Stunde Zeit bis zum Startschuss. Genug Zeit für noch ein wenig Panik, einen leidenden Anruf beim Laufmotivator und zum Anfeuern der ersten Marathonläufer, die ab hier die Strecke mit uns teilen.
Kurz einlaufen, Rucksack zum LKW bringen und dann in die Sonne setzen und atmen. Atmen. Atmen. Atmen … Scheiße, bin ich aufgeregt.

Dann setzen sich auch schon die ersten in Bewegung in Richtung Startbereich, ich trotte hinterher und setze noch ein paar Mimimis ab. Dann ist es soweit.

Der Startschuss knallt, neben mir zucken Läufer zusammen und das Starterfeld setze sich in Bewegung. Ich laufe los und es dauert keine zwei Schritte, da fällt auch schon sämtliche Anspannung von mir ab und ich beginne unwillkürlich zu lächeln.

Endlich wieder laufen. Nach drei Tagen Pause. Blödes Tapering aber auch. Himmel, fühlt sich das gut an!

Ich habe mir vorgenommen, möglichst locker und langsam zu starten, zu schauen wie es mir geht, was ich an dem Abend werde leisten können.
Nun, wie das eben so ist mit den guten Vorsätzen; ich scheitere grandios daran.
Ich starte viel zu schnell, obwohl es sich gar nicht anstrengend oder fordernd anfühlt, und merke zu spät, dass es ja bergab geht, hinein in den Warnowtunnel.
Genau genommen merke ich es erst, als ich kurz vor der Mitte des Tunnels bin und des Anstiegs auf der anderen Seite gewahr werde.
Naja. Immerhin klappt es ab hier endlich mit der ruhigeren Pace.

Nach dem Tunnel folgt eine Schleife über die gewundenen Pfade den IGA-Parks. Mir fällt auf, wie angenehm die Strecke doch zu laufen ist. Das Starterfeld aus ungefähr 800 Läufern hat sich schnell entzerrt und ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass es eng werden könnte.
Kein Vergleich zum Rennsteig, wo mir die Menschenmassen trotz des Starts in Blöcken schon auf den ersten Kilometern auf die Nerven gingen.

Nach dem IGA-Park geht es wieder zurück in den Tunnel und obwohl ich dieses Mal ja schon weiß, dass erst bergab und dann ordentlich wieder hochgehen wird, bremse ich mich nicht aus. Ich lasse einfach laufen und es läuft.

Es ist anstrengend, klar, aber ich bin ja auch für einen Wettkampf gemeldet, nicht für einen Spaziergang.

Wir passieren erneut den Startbereich und die Strecke führt uns zur Warnow und von dort in Richtung Gehlsdorf. Unterwegs färbt ein wunderschöner Sonnenuntergang den Himmel, das Wasser schimmert in der Abendsonne und ich genieße jeden Schritt, auch wenn die Beine schon langsam schwer werden.

Das 10-Kilometer-Schild taucht auf und ich denke nach. Eigentlich wollte ich ab hier richtig durchstarten.
Ich weiß ja, dass ich mindestens 7 bis 8 Kilometer brauche, um wirklich warm zu werden, um meinen Rhythmus zu finden und auch meine Atmung einzutakten. Das ist ideal für einen Halbmarathon, wenn man einen positiven Split anstrebt (also die zweite Hälfte schneller laufen möchte als die erste).
Aber würde das auch heute klappen?

Noch während ich überlegte, laufe ich in Gehlsdorf ein und die ganze Überlegerei stoppt sofort. Überall entlang der Strecke stehen Menschen und feueren die Läufer an, in den Vorgärten und Einfahrten sitzen Familien, grillen, klatschen, lachen – es ist großartig.
Ich lasse mich tragen und merke, wie ich ganz von selbst schneller werde. Ein Blick auf die Uhr bestätigt mir mein Gefühl und ich laufe.

Jetzt sind es nur noch 10 Kilometer, das kann ich schaffen, das habe ich schon so oft geschafft, auch mit ein bisschen mehr Dampf, los jetzt, bloß nicht nachgeben.
Das klappte ganz wunderbar und ich glaube, die Kilometerzeiten sprechen an dieser Stelle für sich:

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Leider ließen wir dann mit Gehlsdorf auch die Zuschauer hinter uns, aber ich hatte ja meinen Takt gefunden und lief so schnell es eben ging weiter dem Ziel entgegen.

Ich überhole immer wieder Läufer, es sind viele dabei, die ihrerseits auf den ersten Kilometern an mir vorbeigezogen waren.
Dann sind es nur noch fünf Kilometer – also noch allerhöchstens 30 Minuten! Das ist ja nix! Das geht schnell! … noch vier Kilometer … noch drei … Ein letzter Blick auf die Uhr und es ist klar: Wenn ich mir jetzt kein Bein breche, knacke ich meine Halbmarathonbestzeit.

Noch zwei Kilometer und ich weiß, jetzt kommen nur noch ein kurzer Anstieg und eine kleine Schleife durch die Innenstadt.
Der Anstieg hat es nochmal in sich, aber dass ich noch immer in der Lage bin, Läufer hinter mir zu lassen, motiviert mich.
Noch einmal links, nochmal links und dann ab auf die Zielgerade. Da sind auch wieder Menschen, es ist laut, es ist hell, ich nehme die Beine in die Hand und mit einem breiten Grinsen laufe ich nach 02:05:36 über die Ziellinie.
Ein schreckliches Foto wird dabei gemacht, zwei Schritte weiter wird mir eine Medaille umgehängt und ich bahne mir meinen Weg hinaus aus dem Zielbereich.


Mein Bruder wartete ein wenig abseits auf mich. Er hatte seinen Lauf in unter 34 min beendet und ich bin ganz schön stolz auf ihn und diese grandiose Zeit. Mal sehen, ob er nun auch Blut geleckt hat und sich in Zukunft vielleicht auch noch in den einen oder anderen Wettkampf quatschen lässt.

Was mich angeht, ich bin mit meiner Zeit ziemlich zufrieden. Ich kann mittlerweile ganz gut einschätzen, was ich mir zumuten kann und merke immer mehr, wo meine Grenzen (noch) liegen. Ich weiß aber auch, dass ich mit dem richtigen Training noch besser werden kann.
Das Beste daran ist, dass es mir (immer noch) Spaß macht. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, ich müsse mich zur Bewegung zwingen. Ich laufe gerne und ich habe Freude an dem, was ich tue. Ich sehe, dass mir das Training wirklich etwas bringt, dass ich wirklich zu einer besseren Version meiner selbst werde und mir immer mehr zutrauen kann – und das macht mich glücklich, stolz und selbstbewusst.

Vielleicht wäre ich schneller gewesen, wenn ich nicht jeden VP mitgenommen hätte. Vielleicht hätte ich die 02:05:00 geknackt, wenn ich am Anfang selbstbewusster gelaufen wäre. Aber vielleicht wäre ich dann auch gar nicht ins Ziel gekommen, weil der Kreislauf nicht mitgespielt hätte.

Wie auch immer, es ist Quatsch, sich darüber Gedanken zu machen und allein die Tatsache, dass ich die Zeit vom Rennsteig um über vier Minuten verbessern konnte, gibt mit gerade unheimlich viel Selbstvertrauen für den nächsten Halbmarathon.

Im Oktober ist Magdeburg dran, mein persönliches Jahreshighlight und hier soll die Zwei-Stunden-Marke falle. Das Training dafür startet in der nächsten Woche. Und ich freu mich drauf!

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