Niemand hat die Absicht, einen Halbmarathon zu laufen

Es ist Montag. Das heißt, der Rennsteiglauf ist seit zwei Tagen Geschichte. Zwei Tage ist es her, dass ich nicht nur den ersten Halbmarathon in diesem Jahr, sondern tatsächlich den allerersten Halbmarathon überhaupt gelaufen bin.
Halbmarathon, eine Strecke, die ich so nie laufen wollte. Halbmarathon am Rennsteig, ein Lauf, für den man im Flachland kaum angemessen trainieren kann.

So wirklich begreifen kann ich das immer noch nicht, was da am Samstag passiert ist. Aber ich versuche mal, das Erlebte in Worte zu fassen.

Am Freitag nach der Arbeit ging es mit dem Zug nach Eisenach. In meinem Rucksack befand sich alles, was ich in meiner Packpanik in Reichweite hatte, ich hoffte einfach, nichts vergessen zu haben. Kontrolliert hatte ich natürlich nicht. Wird schon schiefgehen. Und zur Not kann ich eben nicht antreten. Ooh, sooo traurig.

In Eisenach sammelte mich dann der Laufmotivator ein, er hatte gerade seine Startunterlagen für den Supermarathon geholt, und gemeinsam fuhren wir zu unserer Unterkunft nahe dem Zielort Schmiedefeld.
Lange hielten wir uns dort nicht auf, immerhin brauchte auch ich noch meine Startunterlagen und so ging es gleich wieder los, ab nach Oberhof.
Dort angekommen, erhielt ich dann auch schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was mich am nächsten Tag erwarten würde; Menschen über Menschen über Menschen. Genug für eine kleine Panikattacke und jede Menge Überforderung. Ohne André an meiner Seite wäre ich wohl einfach schreiend weggerannt.
So gab es dann aber kein Zurück mehr, und eigentlich war die Startunterlagenausgabe auch gar nicht so schlimm. Meldebestätigung abgeben, Umschlag nehmen, gelben Plastebeutel fürs Gepäck holen und wieder weg. Eine Sache von zehn Minuten, trotz des hohen Menschenaufkommens.
Vom Hunger getrieben, gingen wir danach noch zur Kloßparty. Die war gut, die war voll, und die war zum Glück auch recht schnell für uns wieder vorbei. Nach bekannten Gesichtern suchten wir gar nicht erst.

Zurück in der Unterkunft tigerten wir nervös durchs Zimmer und versuchten, schon möglichst viel für den nächsten Tag bereitzulegen, was alles in allem aber so lange dauerte, dass es bereits zehn war, als wir endlich ins Bett gehen konnten. Der Wecker teilte uns mit, dass er in weniger als dreieinhalb Stunden bereits wieder klingeln würde. Der Mistkerl.

Wirklich erholsam war die Nacht nicht. Ständig spielte mir das Unterbewusstsein seltsame Träume von Waldwegen und Startnummern ins Kopfkino, ich wurde immer wieder wach und hatte dabei jedes Mal das sichere Gefühl, meinen Bus verpasst zu haben.

Dann war es auch schon halb zwei, Weckerklingeln von allen Seiten.
Während ich mir zum Wachwerden ein wenig Zeit lassen konnte, rotierte André bereits, schob Laufsachen von A nach B und verstaute dies und das und jenes in allen verfügbaren Taschen. Ich glaube, er dachte gar nicht groß nach. Er funktionierte einfach.
Um drei fuhr sein Bus, wirklich geschlafen habe ich dann auch nicht mehr.
Gegen vier hatte ich soweit alles zusammengesucht, war halbwegs angezogen und versuchte es mit einem kleinen Frühstück aus Waffeln und Corny, mit dem mein Magen erstaunlich gut zurecht kam. Normalerweise werden Mahlzeiten um diese Uhrzeit mit üblen Magenkrämpfen quittiert.
Als ich mit allem soweit fertig war, war es noch vor fünf, aber lieber etwas zu früh als zu spät dran sein. Also nochmal durchatmen, doppelte Nachkontrolle und ab zur Haltestelle, von wo aus ein Bus mich und einen Schwung anderer Läufer nach Oberhof transportieren sollte.

In Oberhof angekommen, musste ich mich erstmal orientieren. Alles sah ganz anders aus als noch am Vorabend, aber irgendwie schaffte ich es dann doch noch, mich umzuziehen, meinen Gepäckbeutel abzugeben und den Startbereich zu finden. Gibt ja zum Glück auch genug Menschen, die in dieselbe Richtung müssen.
Im Startbereich traf ich dann auf Sven und Elli, zwei dieser wunderbaren Internetbekanntschaften, die mir wirklich gut halfen, die Vorstartpanik einzudämmen. Ein großes Dankeschön nochmals an dieser Stelle! Ohne euch hätt ich vermutlich einfach zitternd am Rand gesessen und mit leerem Blick vor mich hingestarrt.

Unser Startblock füllte sich zusehends und die Nervosität stieg merklich. Dann war es halb acht und es kam Bewegung in die Massen. Der Start beim Rennsteiglauf Halbmarathon erfolgt aufgrund der hohen Teilnehmerzahl in Blöcken. Der erste Block startet um 07:30, der zweite um 07:33 und so weiter. Je weiter wir nach vorn rückten, desto mehr zitterte ich – und das sicher nicht vor Kälte. Dann war es so weit. Block 6 stand an der Startlinie. Der Moderator erzählte irgendwas, ich hörte ihn schon gar nicht mehr, und auf einmal liefen alle los. Ich hielt mich an Elli und Sven, die in einem moderaten Tempo losliefen. Das hat mich vermutlich gerettet, da ich sonst ja doch eher dafür bekannt, viel zu schnell loszulaufen und zum Ende hin keine Luft mehr zu haben.
Es kam die erste Kurve, das erste Stück Wald – und eine Weggabelung. Darauf war ich zum Glück vorbereitet und entschied mich für den linken Weg, immerhin den „echten“ Rennsteig. Hier ging es direkt bergauf und die bunte Läufermasse verlangsamte sich immer mehr. Die ersten begannen zu gehen und auch ich sah nach ersten Laufversuchen ein, dass es wohl wirklich am sinnvollsten sein dürfte, einfach in den Kampfwandermodus zu schalten. Die Waden wollten noch nicht so richtig und ich konnte und wollte keine Krämpfe auf den ersten zwei Kilometern riskieren.
Sobald der Anstieg nicht mehr so steil war, wechselte ich wieder in den Laufschritt, das klappte erstaunlich gut, wann immer ich es auch probierte.

So wirklich viel weiß ich sonst nicht mehr von der Strecke.
Es war die meiste Zeit ein ziemlicher Hindernislauf. Rechts, links, vorne, Mitte, kurz zurückfallen lassen, wieder anlaufen – wer hinten startet hat nun einmal viele Menschen vor sich. Nicht zu ändern.
Ich schaute während des gesamten Laufs eher selten auf die Uhr. Mein Hauptziel an diesem Tag war auch kein Zeitziel, sondern einfach nur, bloß nicht hinzufallen. Das hat zum Glück gut geklappt, ich glaube, ich bin noch nie so konzentriert gelaufen. Und Konzentration braucht es einfach auch bei diesem Lauf, wenn so viele Läufer auf der Strecke sind und diese Strecke zum großen Teilen aus Steinen, Wurzeln und Matsch besteht.
…und gut, ein kleines Zeitziel hatte ich schon. Ich wollte unter zweieinhalb Stunden bleiben.
Da ich eine Strecke wie die vom Rennsteiglauf noch nie im Training gelaufen war (zumindest gemessen am Höhenprofil), hatte ich überhaupt keine Ahnung, ob das machbar wäre, weswegen ich den Gedanken weitestgehend zu verdrängen versuchte.

Einen kleinen Einbruch hatte ich ungefähr bei der Hälfte der Strecke. Ich riskierte einen Blick auf die Uhr, sah, dass ich bereits elf Kilometer geschafft hatte – und da passierte es dann. Eine Stimme in meinem Kopf schimpfte: „Was? Erst elf Kilometer? Nochmal so lange???“
Irgendetwas in meinem Kopf wütete und auf einmal bekam ich schwere Beine. Fast wäre ich stehen geblieben, mit größter Mühe zwang ich mich zum Weiterlaufen und glücklicherweise fand ich schnell zurück in mein Tempo. Das wäre fast schief gegangen…

Kurz darauf fragte ich dann beim Überholen eine andere Läuferin, ob wir den höchsten Punkt eigentlich schon passiert hätten. Sie schaut mich irritiert an und meinte: „Ja. Vor drei Kilometern oder so schon.“ Ich ließ noch ein „Super, danke!“ hören und war auch schon an ihr vorbeigelaufen. Bis auf einen kleinen Anstieg ging es nun also nur noch bergab, soviel hatte ich vom Streckenprofil behalten.

Ich wagte nun doch immer öfter mal einen Blick auf die Uhr. Die vorgenommene Zielzeit entschwand immer mehr in weite Ferne, allerdings aus dem Grund, dass ich sehr viel schneller unterwegs war, als ich es mir anfangs zugetraut hätte. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit wurde höher und höher.

Dann folgte der letzte Versorgungspunkt, wie schon die beiden Male zuvor schnappte ich mir willkürlich zwei Becher, ging kurz, trank, und lief dann weiter. Ich wusste: Ab hier sind es nur noch fünf Kilometer bis zum Ziel.
Fünf kleine Kilometerchen, die bin ich schon so oft gelaufen, da schaff ich das heute doch mit links! Außerdem geht’s ja nur noch bergab! Das ist wie der Rückenwind am Strand in Dänemark!
Schritt für Schritt sammelte ich die Kilometer ein.

Und auf einmal war er da, der Zieleinlauf. Menschen überall, Asphalt unter den Füßen, einfach verrückt. Im nächsten Moment stoppte ich auch schon die Uhr und bekam eine Medaille um den Hals gehängt. Ich schaute auf die Uhr.
Halbmarathon. Zwei Stunden, neun Minuten.

Bitte was? Das kann doch nicht sein. Zwanzig Minuten schneller als erhofft? Wie soll das denn gehen?!
Aber scheinbar geht es, 02:09:47 steht auf meiner Urkunde, nur zum Begreifen des Ganzen werde ich wohl noch etwas Zeit brauchen.


Nach dem Lauf hatte ich noch ein wenig Zeit, bis André und Patrick ins Ziel kommen würden. Die vertrieb ich mir mit essen, trinken, der Suche nach dem Ausgang des Sportplatzes, einem Fußmarsch zur Pension und einer heißen Dusche.
Noch eben schnell der Familie ein Lebenszeichen gesendet und wieder zurück, ab Richtung Ziel. Unterwegs an der Strecke habe ich die beiden Supermarathonis noch abgepasst, kurz nochmals kräftig angefeuert und mich dann ebenfalls langsam erneut in Richtung Zielbereich begeben.
Als ich ankam, waren die beiden natürlich bereits da, es gab gegenseitige Beglückwünschungen und die nachfolgenden Stunden verschwimmen in einem Nebel aus Schmerz, Ächzen, Essen und Stolz.

Zurück in der Unterkunft gab es für den wunderbaren Laufmotivator und mich noch den Wein, dessentwegen ich mich überhaupt erst angemeldet hatte, und dann war der Tag auch (endlich) rum.
Der nächste Morgen begrüßte uns mit Schmerzen, aber hey – wir sind beide durchgekommen, vom Start bis ins Ziel, und wir können darauf mächtig stolz sein. Darauf und auf uns. Und am Ende ist es das, was zählt.

Um an dieser Stelle ein kleines Fazit zu ziehen:
Die Strecke ist tatsächlich schön, es war toll, sich mal an ein paar Höhenmetern zu versuchen und ich hab den Wald wirklich zum Großteil genießen können.
Es sind meiner Meinung nach allerdings einfach viele zu viele Läufer unterwegs. Es war so voll und ich musste an so viele Stellen unfreiwillig bremsen oder kam nicht vorbei, weil irgendwelche nebeneinanderherwandernden Vierergrüppchen den ganzen Weg inklusive Überholpfad blockierten oder weil irgendwelche mittelalten Herren scheinbar ein Problem damit haben, von jungen Damen überholt zu werden und mit letzter Kraft nochmal beschleunigen, damit man nicht vorbeikommt.
Mag sein, dass für die allermeisten Rennsteigläufer das schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld steht, aber für mich wird es wohl vorerst bei einer einmaligen Sache bleiben.
Trotzdem hat es Spaß gemacht, auch wenn ich mir für mein Halbmarathondebut sicher nicht gerade die einfachste Strecke ausgesucht habe … aber einfach kann ja jeder!


Postskriptum
Ich bin noch nie in meinem Leben so stolz auf mich gewesen. Noch nie. Wirklich. Ich hab den ganzen Tag im Kreis gegrinst und der Wettkampf hat mir ganz schön viel Selbstvertrauen geschenkt, sodass ich nun sogar fast ein bisschen zuversichtlich bin, meinen persönlichen Jahreshöhepunkt, den Halbmarathon in Magdeburg in fünf Monaten, durchaus in unter zwei Stunden bewältigen zu können.

2 Kommentare zu „Niemand hat die Absicht, einen Halbmarathon zu laufen“

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