Harztor-Lauf 2017

Was war das denn bitte für ein verrücktes Wochenende?

Tausend Eindrücke gesammelt und längst nicht alle verarbeitet.

Versuchen wir mal, das Ganze in Worte zu fassen.

Wie einige von euch bereits wissen, bin ich schon im letzten Jahr beim Harztor-Lauf in Thüringen angetreten. Gefunden hatte den Lauf Annemi, eine gute Freundin, mit der ich im letzten Jahr gemeinsam den einen oder anderen Wettkampf bestritt. 8 km sollten es werden, vom Sportplatz in Ilfeld bis nach Niedersachswerfen.
Eine Strecke, die mir so gut gefiel, dass ich mich am liebsten direkt nach dem Zieleinlauf schon fürs nächste Jahr angemeldet hätte.

In den letzten Wochen fieberte ich dem Start mal mit mehr, mal mit weniger Selbstvertrauen entgegen. Ich war im letzten Jahr eine ziemlich gute Zeit gelaufen und hatte so meine Zweifel, ob ich das in diesem Jahr wieder schaffen würde, hatte ich mich im Training bisher doch primär auf die Halbmarathonvorbereitung und somit auf lange, aber eben langsame Distanzen konzentriert.

Und plötzlich war es da. Das Wettkampfwochenende – und da war auf einmal gar nicht mehr so viel Zeit für Panik.
Samstag ging es erst einmal nach Radebeul, der Mt. Everest Treppenmarathon stand auf dem Plan.
Zu der Teilnahme hieran hatte sich der Laufmotivator überreden lassen und da mein eigener Wettkampf erst am Sonntag stattfinden sollte, bin ich als Unterstützung mitgefahren.
Pünktlich zum Start der Einzelläufer trudelten wir an der Spitzhaustreppe ein und trafen dann auch bald die ersten Bekannten aus den Reihen der Twitter-Laufbekloppten.
Da ich nicht selber gelaufen bin, möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr ins Detail des Laufs gehen. Wer sich einen Eindruck vom Lauf aus Teilnehmersicht machen möchte, kann das gerne tun; Daniel, Chris und Patrick haben da sehr schöne Berichte verfasst.

Um zwei Uhr morgens, zwei Stunden nach dem Start der Dreierseilschaften, in denen auch der Freund mitlief, machte ich mich dann wieder auf den Heimweg. Ein bisschen Schlaf wollte ich dann vor meinem eigenen Wettkampf doch noch bekommen und der Plan war, am nächsten Morgen spätestens um elf loszufahren.

Um neun riss mich der Wecker aus dem Schlaf. Ich hatte kaum geschlafen, hatte Rückenschmerzen und der Wetterbericht sagte für Harztor Schneeschauer voraus. Na toll.
Aber was soll’s, solches Wetter war noch immer mein Lieblingslaufwetter und so warf ich einfach so ziemlich alles, was ich an Laufsachen besitze, in eine große Tasche, diese ins Auto, mich hinterher und ab ging’s nach Thüringen.

Zwanzig Minuten vor Ankunft in Niedersachswerfen, wo es die Startnummer abzuholen galt und von wo aus auch der Shuttlebus nach Ilfeld starten sollte, überkam mich die altbekannte Panik in neuer Intensität.
Was, wenn ich als Letzte ins Ziel laufe? Oder gar nicht? Wenn ich im Wald umknicke oder … oder … oder … – naja. Wenn es etwas gibt, in dem ich schon immer gut war, dann ist es wohl, mich selbst verrückt zu machen.
Jetzt war es ja eh zu spät um umzudrehen, da konnte ich das mit dem Laufen auch einfach mal probieren. Also los, Parkplatz suchen, Startnummernausgabe ausfindig machen und nebenbei versuchen, Annemi und Sven zu orten, die sich für den 5-km-Lauf angemeldet hatten. Kurzes, gestresstes „Hallo!“, gegenseitiges „Viel Erfolg!“ und dann musste ich auch schon zum Bus, wo ich noch ein letztes Mal so richtig in Hektik verfallen konnte.
Wo ist jetzt mein Brustgurt? Und die Sicherheitsnadeln? Hab ich ein Taschentuch eingepackt? Wo zur Hölle ist mein Stirnband? Und warum mach ich das hier eigentlich? Hunger! Pipi! Kalt! Tiefenentspannt geht anders.
In Ilfeld ging es dann ans einlaufen, es war kurz vor zwei, um zehn nach zwei sollte der Startschuss fallen. Da donnerte auch schon der Erste der Halbmarathonläufer an uns vorbei. Kurzer Blick auf die Uhr – 53 Minuten; 13 km hatte er an dieser Stelle bereits in den Beinen. Wir staunten ihm alle kurz hinterher, dann liefen wir uns weiter warm.

Und dann war es auf einmal schon so weit. Wir sammelten uns an der Startlinie, es knallte und ich rannte. Bergab. Das kannte ich ja schon vom letzten Jahr. Nur dass ich dieses Mal nicht so viel Kraft zum Bremsen verschwendete, sondern einfach rannte, was die Beine hergaben. Danach kam ja bereits der erste Anstieg, ein Puffer konnte da nicht schaden.
Das Wetter war gut, also in meinem Empfinden, es gab Wolken, Wind und Regen. Schön.
Ich nahm den ersten Anstieg ohne Probleme, einen kleinen Acker-Trampelpfad unter den Füßen, und immer darauf bedacht, bloß nicht wegzuknicken.
Vom Acker ging’s in den Wald, überall Steine und Wurzeln, das kenne ich aus meinen Stadtläufen in Leipzig gar nicht mehr, aber die Beine liefen fleißig weiter und der Kopf konzentrierte sich weiter auf’s Koordinieren und Nichthinfallen.
Dann ging es wieder bergab, wieder ein Stück Acker, wieder ein Stück Wald und ich erinnerte mich, dass der schöne weiche Untergrund gleich vorbei sein und der Radweg beginnen würde.
Was haben meine Gelenke den im letzten Jahr verflucht.
Egal, bloß nicht weiter darüber nachdenken, einfach weiterrennen, bloß nicht auf die Uhr gucken. „Lauf was du kannst und noch etwas schneller“, sagte ich mir immer wieder. Wahrscheinlich hab ich mich damit selbst aus dem Atemrhythmus gebracht, jedenfalls schoss auf einmal ein stechender Schmerz in meine Seite, der sich anfühlte, als hätte mir jemand eine Ladung Schrot in die Seite gejagt, und der mir die Tränen in die Augen trieb. Ich japste, lief, strauchelte, lief keuchend weiter und bekam den Schmerz einfach nicht weggeatmet. Und jetzt? Ok. Weiterlaufen. Langsam. Das tat mental mehr weh als physisch, ich versuchte, leise vor mich hin grantelnd, mich auf den Weg zu konzentrieren und nachdem der achte oder neunte Läufer an mir vorbeigezogen war, lief ich wieder an.
Wer bin ich, dass ich mir von so einem blöden Seitenstechen den Wettkampf versauen lasse? Was ist schon Schmerz? Ich bin nicht verletzt, also kann der mal schön die Klappe halten. So. Nämlich!
Fluchend lief ich weiter, konnte mein Tempo und auch ein wenig Laune zurückgewinnen und wagte bei Kilometer 5 einen Blick auf die Uhr. 27nochwas. Na hoppala, das ist doch gar nicht mal so schlecht. Ob da vielleicht doch noch eine Zeit unter 45 min drin ist?
Ich bog um eine Kurve und da war er. Der zweite größere Anstieg. Mein Endgegner vom letzten Jahr. 30 Höhenmeter auf 300 Metern Laufstrecke. Eigentlich nicht so viel, aber wenn man sowas nicht gewöhnt, geht das ganz schön an die Reserven.
Ich hatte mir bereits vor dem Lauf vorgenommen, besagten Anstieg dieses Mal einfach komplett zu gehen. Gar keine schlechte Taktik, ich überholte den ein oder anderen Läufer, der noch unten an mir vorbeigezogen war, und fand am Ende des steilen Stücks auch wieder gut in meinen Rhythmus zurück.
Dann ging es auch schon wieder bergab, ich rannte, ich sprang über Wurzeln, wich Läufern aus und verpasste am Ende des Wegs fast die Abbiegung. Ab hier noch zwei Kilometer, das hatte ich ungefähr im Kopf. Das kann ich, das schaff ich, sowas bin ich auch im Training schon gelaufen und da war ich vorher schon zehn Kilometer unterwegs gewesen!
Ich lief immer schneller und die Uhr zeigte irgendwas im 05:00er/05:10er-Schnitt und ich rechnete nach. Wenn ich das jetzt durchziehe, komm ich noch unter 45 min ins Ziel. Also lief ich und lief und rannte und überholte und keuchte und lief immer weiter. Und dann war auf einmal das Ziel in Sicht. Noch eine letzte Haarnadelkurve, Beine in die Hand und los.
Die Mitstreiterin, an deren Fersen ich mich die letzten zweieinhalb Kilometer geheftet hatte, konnte ich nicht mehr einholen. Aber ich schaffte meine Sub45 und stand dann erst einmal zitternd im Zielbereich und wusste gar nicht mehr so recht, wo hin mit mir. Mir war speiübel, ich war müde, ich war glücklich. Alles wie immer eigentlich.
Ich taumelte ins Zelt, holte meine Sachen, einen großen Berg Wassermelonestücken und setzte mich erstmal. Durchatmen. Ruhig werden. 00:44:45,6 zeigte die Uhr an und langsam bahnte sich der Stolz einen Weg in mein Gesicht und formte sich zu einem Grinsen.
Ich hatte es geschafft. Ungefähr zwanzig Sekunden langsamer als im Vorjahr, aber ich wusste ja auch, wo ich die verloren hatte. Also alles gut. Verrückt.
Ich wartete noch auf Annemi und Sven die ihrerseits auch gute Zeiten gelaufen waren und ab da war dann auch die letzte Anspannung von mir abgefallen. Wir wärmten uns ein wenig auf, erzählten und wollten dann auch los, immerhin war unser Heimweg nicht der Kürzeste.
Zu dritt verließen wir das Zelt und draußen warf ich einen flüchtigen Blick auf die Ergebnisliste.
Aha, aha, aha. Da steht eine 3 hinter meinem Namen. Naja was … Moment. Was?
Nochmal genauer hinschauen. Rang 86 gesamt, Rang 15 bei den Frauen – und Dritte in meiner AK. Was?!
Ich ließ alle nochmal draufschauen, aber es stimmte wohl. Also doch mal zur Siegerehrung gehen. Und da wurde ich dann tatsächlich auch aufgerufen. Ich stand auf dem Treppchen. Ich! Wer hätte das gedacht…

Tja. Und nun muss ich im nächsten Jahr wohl wieder teilnehmen. Nicht, dass ich das nicht ohnehin vorgehabt hätte, aber diese zwanzig Sekunden kann ich nicht einfach auf mir sitzen lassen. Da muss eine Verbesserung her, im Vergleich zu beiden Jahren. Alles andere wäre ja Quatsch.
Oder ich laufe den Halbmarathon.
Letztes Jahr hatten wir darüber noch gescherzt (erinnerst du dich, Annemi?) – wie man sowas denn bloß freiwillig machen könnte. Halbmarathon! So eine lange Strecke! Und dann noch die Höhenmeter! Die ham se doch nich mehr alle!
Tja. Naja. Tja.
Jetzt bin ich ja auch so bescheuert. Vielleicht ginge ja wirklich der Halbmarathon. Nur… Die 8k sind auch immer so schön! Mmhmmh…
Aber es ist ja noch Zeit. Lieber Harztor-Lauf, wir sehen uns ganz sicher wieder. Über welche Distanz, das entscheide ich nach dem Rennsteig. Den muss ich erstmal schaffen, bevor ich weiter über längere Distanzen nachdenke.

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3 Kommentare zu „Harztor-Lauf 2017“

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